HDR – Fluch oder Segen?

HDR, die Technik in der (digitalen) Fotografie um kontrastreiche Szenen zu bändigen, ist schon lange aus den Kinderschuhen erwachsen. Aber an ihr scheiden sich immer noch die Geister. Glühende Verfechter gegen kategorische Verweigerer.

Ich gebe einen Überblick über die Technik, seine Möglichkeiten, die Anwendungsgebiete und schildere mit einigen Bildbeispielen meine ganz persönlichen Erfahrungen aus den letzten acht Jahren.

Potsdamer PlatzÜberblick

Was ist HDR? HDR (High Dynamic Range) ist vereinfacht ausgedrückt eine Technik, um Szenen mit hohem Kontrast zu erfassen. Idealerweise sollen diese so in einem Bild festgehalten werden, dass sowohl die extrem dunklen, als auch die sehr hellen Bereiche nicht „abgeschnitten“ werden. Die Rüschen eines Brautkleids sollen ebenso wie die Falten im Anzug des Bräutigam bei Sonnenschein noch Zeichnung haben.

Während er Erklärung des Begriffs HDR werden meist im selben Atemzug auch noch HDRI, also das HDR-Bild (High Dynamic Range Image) und DRI (Dynamic Range Increase) genannt. Letztere heißt auf deutsch Kontrastumfangserhöhung und ist HDR sehr ähnlich, aber kein Synonym.

Original-HDR und tonegemapptes Bild

Original-HDR und tonegemapptes Bild

Das Tone Mapping, gleichbedeutend mit Dynamikkompression, ist quasi das Gegenteil, aber paradoxerweise notwendig, um ein HDR-Bild auf einem Bildschirm oder Drucker angemessen darzustellen. Die immense Fülle an Tonwerten eines HDRI werden auf das viel kleinere Tonwertspektrum des jeweiligen Ausgabemediums reduziert. Auf einem Papierabzug muss man schließlich nicht blinzeln, wenn man in die abfotografierte Sonne schaut.

Anwendung

Belichtungsreihe mit Endergebnis

Belichtungsreihe mit Endergebnis

Warum HDR? Wie eingangs erwähnt kommt HDR in kontrastreichen Szenen zum Einsatz. Wo das menschliche Auge mit großen Helligkeitsunterschieden noch gut umgehen kann, versagen Kameras in der Regel. Man muss sich entscheiden: sollen die hellsten und dunkelsten Bereich ein wenig (mittlere Belichtung), die hellsten Areale stark (Überbelichtung) oder die dunkelsten Bereiche stark abgeschnitten werden (Unterbelichtung)?

Die Lösung ist ein HDR-Bild, das in der Regel aus einer Belichtungsreihe zusammen gefügt wird. Idealerweise sind in der dunkelsten Aufnahme der Reihe die hellsten Bereiche und in der hellsten Aufnahme die dunkelsten Bereich korrekt belichtet. Man kann als Basis auch eine RAW-Datei nehmen, diese mit unterschiedlichen Belichtungen „entwickeln“ und dann zu einem HDR-Bild zusammen setzen.

Mittels Tone Mapping wird das HDR-Bild zu einer für das menschliche Auge und das entsprechende Ausgabemedium passenden Bilddatei umgewandelt. Es gibt hierfür verschiedene Verfahren, die je nach Motiv, aber auch Software (die diese implementieren) zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen führen.

Ein Grauverlaufsfilter, der den Himmel abdunkelt, kann einen hohen Kontrastumfang reduzieren und HDR überflüssig machen.

HDR-Beispiel Architketur

HDR-Beispiel Architketur

Einsatzgebiete

Situationen mit hohem Kontrast entstehen schnell. Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Dieses Sprichwort passt gut zur HDR-Fotografie. Sobald die Sonne im Spiel ist, kann man über den Einsatz von HDR nachdenken. Aber auch bei Nachtaufnahmen oder Dämmerung mit kleinen hellen Lichtquellen, z.B. in der Stadt, ist HDR sinnvoll.

Somit sind (nach persönlicher Einschätzung) in absteigender Reihenfolge die Genre

  • Architektur
  • Landschaft
  • Produkt

für HDR geeignet. Porträts scheiden in meinen Augen aus.

Ein Stativ wird für die Erstellung der Belichtungsreihe empfohlen, auch wenn aktuelle Software keine exakte Deckungsgleichheit der Einzelbilder mehr erfordert. Bei bewegten Motiven bzw. Bildbereichen ist HDR grundsätzlich problematisch. Aber hier kommt es auf die Bewegung im einzelnen an. Einen Passanten kann die HDR-Software automatisch entfernen, die Bewegung tausender Blätter im Wind dagegen nicht.

Software

Im Grunde könnte man ein (Pseudo-) HDR bzw. dessen vorrangigen Effekt mit einem „normalen“ Bildbearbeitungsprogramm erstellen. Man wählt aus den Einzelbildern die korrekt belichteten Bereiche mit einer weichen Kante aus und fügt sie in Ebenen zu einem Gesamtbild zusammen.

HDR-Beispiel Landschaft

HDR-Beispiel Landschaft

Spezialisierte Software macht hingegen viel mehr. Sie bietet verschiedene Verfahren zur Erzeugung des (tonegemappten) Endbilds an und überlässt dem Anwender mittels Eingabe diverser Parameter den Einfluss darauf. Diese Parameter legen z.B. Stärke des Gesamteffekts, den (lokalen) Kontrast oder Sättigung fest.

Photoshop bietet als Platzhirsch der Bildbearbeitung eine HDR-Funktion, aber es gibt auch eine Fülle an spezialisierten kostenlosen und kostenpflichtigen Programmen. Eine kleine Auswahl:

  • Photomatix: Ein großer Player unter den HDR-Progammen. Kostenlose Testversion. Lizenz 70 €. Für Windows und MAC OS X.
  • Luminance HDR: Freie und kostenlose Software für Experimentierfreudige. Für Windows, MAC OS X und Linux.
  • HDR Efex Pro 2: Umfangreiches Tool. Demoversion downloadbar. Lizenz 149 $. Für Windows und MAC OS X.

Die Unterschiede sind durchaus groß und liegen hauptsächlich darin, wie und in welchem Umfang das jeweilige Programm seinem Anwender Einfluss auf das Ergebnis überlässt. Einfache Software kann schnell gute Ergebnisse liefern, lässt aber Feineinstellungen vermissen. Zig Dutzend Eingabeparameter hingegen verkomplizieren die Arbeit, bieten aber viel Freiheiten.

Einen schnellen Vergleich einiger Progamme bietet Lars Heppner in seinem Blog.

Mittlerweile haben die Berechnungsverfahren, die bei HDR und Tone Mapping zum Einsatz kommen, Einzug in Digitalkameras gehalten. Ob Canon, Nikon, Sony, Panasonic oder Pentax, quasi jeder Hersteller bietet Modelle an, die automatisch eine Belichtungsreihe schießen und daraus ein Bild im HDR-Look erzeugen.

Reisterrassen in ChinaPersönliche Nutzung

Nach dem Kauf meiner ersten Digitalkamera im Jahr 2006 wurde ich recht schnell auf HDR aufmerksam. Zu dieser Zeit war ich viel auf Reisen, und der Einsatz eines Stativs war mir persönlich oft zu zeitaufwändig. So ist mein erstes HDRI von den Reisterrassen in Longsheng im Süden Chinas aus der Hand aufgenommen und ein ziemlicher Glückstreffer gewesen.

Danach kam lange nichts. Ich hatte die Technik zwar immer im Hinterkopf, wandte sie aber nicht an. Erst nach der Lektüre einiger Artikel in der Fachpresse und im Netz kam HDR wieder ins Bewusstsein. Mit wachsender Begeisterung schoss ich Belichtungsreihen und kaufte mir schließlich Ende 2008 Photomatix Pro.

Ich setzte HDR meist bei Innenaufnahmen in Kirchen oder in Städten zur Dämmerung ein. Dabei nutzte ich die Funktion der automatischen Belichtungsreihe in meiner Canon-DSLR: drei Aufnahmen meist mit jeweils zwei Blenden Unterschied.

Budapester ParlamentAn den Parametern zur Einflussnahme auf das tonegemappte Endergebnis in Photomatix Pro drehte ich nur bis auf wenige Ausnahmen recht verhalten. Die übertriebenen und unnatürlichen Fotos, von denen das Netz mittlerweile überquoll, waren mir zuwider. Auf eine billige Effekthascherei mit überzogenen Einstellungen wollte ich mich nicht einlassen. Nein, es sollte natürlich bleiben. Idealerweise sollte der Einsatz von HDR bzw. DRI gar nicht auffallen.

Nach dem relativ massiven Einsatz während eines Kurzurlaubs in Budapest zum Jahreswechsel 2008/2009 nahm mein Interesse wieder ab. Die Geburt meines Sohnes schuf ein neues Motiv, bei dem HDR keine Rolle mehr spielte. Mit RAW als Dateiformat und der Nutzung von Lightroom kamen neue Möglichkeiten hinzu, kontrastreiche Bilder ohne HDR zu „entwickeln“.

Aber auch in den typischen Einsatzgebieten wie Kircheninnenräume fertigte ich kaum mehr Belichtungsreihen an. Direkte Vergleiche mit den sanft ausbalancierten Tonwerten eines RAW-Fotos in Lightroom entschied ich gegen HDR. Die Ergebnisse mit Photomatix fielen in der Fusion-Technik und erst recht im Tone Compressor subjektiv schlechter aus. Beispiele dafür sind die Kathedrale von Metz und der Ahorn im Japanischen Garten Leverkusen.

Fazit

Ist HDR ein Trend? Das kann man durchaus so sehen. Nach dem Hype, den ich gefühlt in den Jahren 2006-2009 verorte, erfolgte eine Ernüchterung mit Rückbesinnung auf die ursprüngliche Idee, der Technik zur Kontrastanhebung. Denn genau das ist HDR nun mal in erster Linie. Sie kompensiert die technische Nachteile (gegenüber dem menschlichen Auge) von (digitalen) Kameras. Technik vs. Technologie.

Das, was HDR zu einem heiß diskutierten Feld in der Fotografie macht, ist etwas anderes. Nämlich der Umgang mit den dazugehörenden Werkzeugen, der Software. Diese verleiten zum spaßigen Spiel. In freudiger Erwartung neuer, bunter, teilweise psychedelischer Bildeindrücke dreht man solange an den Reglern, bis es einem gefällt. Ob das im Sinne des Erfinders war, sei dahingestellt.

"Fusioniertes Bild" mit Photomatix

„Fusioniertes Bild“ mit Photomatix

Mit Lightroom entwickeltes Bild

Mit Lightroom entwickeltes Bild ohne HDR und Tonemapping

Es ist hier ein neuer Prozess entstanden, der sich von der Technik weg hin zu künstlerischem Ausdruck bewegt. Dabei reicht die „Kunst“ von billigem, schnell gemachten Schrott (a.k.a. „Clownkotze“) bis zu fein austarierten Werken, in denen viel Arbeit steckt. Und Kunst ist eben Geschmackssache.

Der Fotograf Jim M. Goldstein hasst HDR und bezeichnet es als „tech porn„. Seine Ansichten sind durchaus nachzuvollziehen. Schaut man sich die „besten HDR-Bilder 2012“ der Zeitschrift CHIP an, darf sich Goldstein bestätigt fühlen. Da ist meiner Meinung nach viel Mist dabei. Hier kann man sich wieder wunderbar in hitzige Diskussionen begeben. Zum Beispiel, ob die schnell und einfach anzuwendende HDR-Software Schuld an der „Misere“ ist.

Ich denke, dass HDR – wie viele andere Techniken auch – ein Eigenleben entwickelt hat. Ein Hauptanwendungsgebiet der Tilt-Shift-Objektive ist das Vermeiden von stürzenden Linien bei Architekturaufnahmen. Die typischen Miniaturwelten sind ein gestalterischer und damit künstlerischer Effekt, der erst später populär wurde. Bildbearbeitungsprogramme bieten Funktionen zur Erzeugung eines filmtypischen Korns zu Analogzeiten. Technik, um in der Zeit zurück zu reisen? Nein, einfach ein künstlerischer Ausdruck.

Für mich persönlich ist HDR nur ein technisches Mittel zum Zweck, den hohen Kontrastumfang einer Szene in einem Bild darzustellen. Auf den künstlerischen Einsatz verzichte ich. Mittlerweile nutze ich HDR fast gar nicht mehr, da ich bereits ohne Belichtungsreihen mit RAW und Lightroom (bzw. einem anderen RAW-Konverter und/oder Bildbearbeitungsprogramm) bereits sehr gute Ergebnisse erziele.

Wer gerade erst mit HDR begonnen hat oder erst noch beginnen will, sollte die Technik weder vorverurteilen noch ihr willenlos verfallen. Es lohnt ein genauer Blick auf verschiedene HDR-Programme, deren Einstellungen und Auswirkungen auf jedes einzelne HDR-Bild. Zwischen den Ergebnissen können Welten liegen. Von der Apokalypse bis zum Paradies.

2 Antworten

  1. Emmanuel sagt:

    Hallo,

    Ich lese erst Heute dein Beitrag zur HDR Aufnahme und finde Ihn sehr interessant. Ich kenne das Thema schon länger auch wenn ich damit erst seid kurzem Angefangen habe. Die Bilder Reihe die Du von der benebelter Landschaft gepostet hast finde ich sehr selbst erklärend und gibt auch jeden Fall Lust mehr dieses Medium zu nutzen.
    Du schreibst aber das ein RAW Bild eigentlich genügt, dazu habe ich oft verschiedenes gelesen aber sollte eigentlich reichen.

    Muß jetzt das ganze ausprobieren 🙂

    Ich habe als Programm Luminance HDR, warum meinst Du zum experimentieren ? Ist das nicht so toll ? Ich kenn halt nur das und ist ja auch kostenlos…

    LG
    Emmanuel

    • Jens Sieckmann sagt:

      Hallo Emmanuel,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ein RAW *kann* genügen. Wenn die Kontraste nicht allzu stark sind oder bewegende Elemente wie Blätter Mehrfachaufnahmen verhindern.

      Experimentieren mit Luminance deshalb, weil ich das Programm nicht ganz so intuitiv uns selbsterklärend fand wie andere. Durch Ausprobieren lernt man die Effekte kennen.

      Viele Grüße und viel Erfolg und natürlich Spaß mit dem Thema HDR,
      Jens

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