Top-Locations der modernen Architektur: Europa

Europa ist ein Kontinent mit bewegter Geschichte und kultureller Vielfalt, zu der auch seine Bauwerke gehören. Das sind die monumentalen Kathedralen Frankreichs, die mittelalterlich geprägten Stadtzentren Italiens und das urige Fachwerk in Deutschland. Oft spricht man westlich des Atlantiks vom „alten Europa“. Ist hier überhaupt Platz für Modernes?

Das ist es ganz sicher. Dabei ist die moderne Architektur nicht nur Selbstzweck, sondern Bestandteil der gewachsenen, europäischen Stadt. Dieser Teil der Artikelserie „Top-Locations der modernen Architektur“ beschäftigt sich damit und zeigt einige der sehenswertesten Zentren zeitgenössischer Architektur in Europa.

Auch wenn als erstes New York oder Dubai in den Sinn kommen, wenn man an moderne Architektur denkt, so war Europa Startpunkt einiger Stilrichtungen seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Mies van der Rohe und Le Corbusier gelten als Vertreter des Internationalen Stils.

In den Niederlanden baut man nicht nur optisch modern. Nein, die Notwendigkeit, dem „Wasser das Wasser abzugraben“, um neues Bauland zu schaffen, verlangt höchste Ingenieurskunst.

Hier folgt eine persönliche Auswahl interessanter europäischer Foto-Locations zur modernen Architektur.

Jede aufgeführte Region bewerte ich mit zwei Einschätzungen. Das „Potenzial“ soll objektiv die Menge und Vielfältigkeit der Motive wiedergeben. Die „Wertung“ ist eine Note, die auch infrastrukturelle und organisatorische Punkte (Erreichbarkeit und Zugänglichkeit der Locations, Sicherheitsbestimmungen, Klima und Wetter etc.) und auch subjektive Präferenzen beinhaltet.

LüttichBahnhof Liège-Guillemins

Liège bzw. Lüttich ist eine Großstadt im wallonischen Teil Belgiens, ca. 50 km westlich von Aachen. Ihr Aufstieg begründete sich in der Kohle- und Stahlindustrie, die aber – ähnlich dem Ruhrpott – seit den 70ern stark an Bedeutung verlor.

Doch Lüttich ist keineswegs nur hässlich und grau. Das Zentrum mit malerischen Renaissancebauten ist sehenswert, doch auf keinen Fall kommt der an moderner Architektur interessierte Fotograf am Bahnhof Liège-Guillemins vorbei. Der spanische Architekt Santiago Calatrava hat ihn entworfen und er wurde im September 2009 eröffnet.

Der Bahnhof wirkt in der Stadt wie ein Fremdkörper. Seine außergewöhnliche Erscheinung wird von den weißen Betonstreben geprägt, zwischen denen Glas viel Licht hindurch lässt. Transparenz ist das Stichwort, das diesen Ort am besten charakterisiert.

Es gibt keine Fassade, alles ist offen. Das gewölbte Dach ist eine 200 Meter lange Welle: ein Augenschmaus. Bei stahlblauem Himmel ist der Kontrast zum weißen Skelett fast blendend. Formen und Linien bieten dem Fotografen Motive für alle Brennweiten.

Der Lütticher Bahnhof steht ganz oben auf meiner Wunschliste und dürfte dieses Jahr abgehakt werden.

Potenzial:
Wertung:

RotterdamRotterdams Skyline

Rotterdam hat den größten Seehafen Europas. Das wissen die meisten. Weniger bekannt ist der Beiname „Manhattan an der Maas“, denn die Stadt an diesem Fluss gilt als die Architektur-Hochburg der Niederlande.

Nach den deutschen Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg fassten die Städteplaner den Entschluss, einen modernen Gegenpol zu den anderen, eher historischen Großstädten in Europa zu schaffen. Im Laufe der Jahrzehnte gewann man zahlreiche namhafte Architekten wie Rem Kohlhaas, Norman Foster und Renzo Piano, die sich auf der „Spielwiese Rotterdam“ austobten.

Noch immer passiert hier sehr viel. Die enthusiastischen Rotterdamer liegen gemütsmäßig (und auch ein wenig geografisch) zwischen Europa und Amerika: „Niet lullen maar poetsen“ („Nicht labern, sondern rackern“). Dabei hat die Stadt keine markante Skyline wie viele Metropolen in den USA. Im Gegensatz zu den meisten anderen Großstädten sind die Wolkenkratzer nicht immer Prestigebauten großer Konzerne, sondern auch Wohntürme (Red Apple, New Orleans Wohnturm, Hoge Heren).

Zwei besondere Gebiete, die ich herausgreifen möchte, sind:

  • Kop van Zuid/Wilhelminapier: ein neuer Stadtteil, der dem Wasser abgetrotzt wurde und bemerkenswerte Bauwerke wie das World Port Center, die Erasmusbrücke, das Montevideo und das Neue Luxor-Theater beherbergt
  • der riesige Industriehafen im Südwesten, das für Fans der Industriearchitektur interessant ist und Motive wie Raffinerien, Kräne und Container bietet

Weitere Highlights verteilen sich auf das Stadtgebiet:

  • die kuriosen Kubushäuser
  • das Mammut-Projekt MVRDV (neue Markthalle), das Wohnen und Arbeiten harmonisch vereinen und 2014 fertig gestellt werden soll
  • die gläsernen Zwillingstürme des Delftse Poort
  • das höchste Gebäude der Niederlanden, der Maas-Turm
  • der Red Apple

Ein Architekturmuseum, selbst ein markanter Bau, darf nicht fehlen. Rotterdam ArchiGuides hat viele Führungen (auch mit dem Fahrrad) im Programm. Gute Übersichten zur Architektur online bieten der City Guide Rotterdam und Architecture in Rotterdam.

Rotterdam ist ein tolles Ziel, das ich mir mittelfristig vornehmen werde.

Potenzial:
Wertung:

ParisLa Défense

Paris, die Stadt der Liebe, eine der meistfotografierten und deshalb wohl tot geknipsten Stadt. Der Eiffelturm ist bzw. war (zumindest 2009) das beliebteste Fotomotiv der Welt. Und er ist moderne Architektur, war seiner Zeit weit voraus.

Dennoch denkt man bei Paris nicht an die Moderne, sondern an den Louvre, Notre Dame, Sacre Coeur und Arc de Triomphe. Doch im Nordosten, da „b(r)aut sich was zusammen“: Courbevoie, Nanterre und Puteaux! Wie bitte? Das sind die Namen dreier Pariser Vorstädte und Heimat von La Défense, der größten Bürostadt Europas mit einer Viertelmillion Arbeitsplätzen.

Der wahrscheinlich umfangreichste städtebaulicher Eingriff von Paris begann Ende der 50er Jahre. Die Geschichte verlief wechselvoll vom enthusiastischem Beginn über verhaltene Kritik bis zum Beinahe-Baustopp. Heute sind in La Défense neben den reinen Bürotürmen auch Wohnblöcke, Hotels und Einlaufsmeilen zu finden. Skulpturen von namhaften Künstlern lockern die kühle Atmosphäre auf.

Derzeit ist wieder eine Runderneuerung im Gange. Aber die französische Wirtschaftskrise verlegt die ehrgeizigsten Pläne weit in die Zukunft (Tour Phare) oder begräbt sie ganz (Tour Generali).

Es fällt schwer aus der riesigen Menge an buchstäblichen Höhepunkten das Beste heraus zu fischen:

  • Grande Arche: das wahrscheinliche auffälligste Gebäude und das Wahrzeichen von La Défense. Leider ist die Aussichtsplattform nicht mehr öffentlich zugänglich.
  • EDF Tower: die eingekerbte Hochhausschale
  • CNIT: Das relativ alte (1958) Zentrum der neuen Industrien und Technologien mit dem gigantischen, gewölbten Dach
  • Elysées La Défense: Der gläserner Palast schimmert wie ein Ozean.
  • Tour Pacific: Der Viertelkegel mit riesigem Portal
  • Tours Société Générale: Auffällige, abgeschrägte Zwillingstürme der französischen Bank

Die offizielle Webseite von La Défense ist ein guter Einsteig, um mehr zu erfahren. Detaillierter geht es dann im englischen Architekturführer (PDF) weiter. Die Broschüre zu den Rundgängen (PDF) ist ebenso praktisch wie hilfreich.

Für mich persönlich ist La Défense das Top-Ziel in Europa. Wahrscheinlich nächstes Jahr werde ich mir dafür vier Tage frei halten.

Potenzial:
Wertung:

London

Lloyd's of London

London ist eine Weltstadt. Wobei „Weltstadt“ kein hohler Begriff ist, sondern tatsächlich einige Voraussetzungen einschließt. Laut Global Financial Centres Index ist es der wichtigste Finanzplatz der Welt, noch vor New York.

Architektonisch ist die Stadt an der Themse eine Fahrt durch sämtliche Stile und Epochen seit dem Großbrand 1666. Besonders hervorzuheben sind dabei die klassizistischen Bauwerke Christopher Wrens aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Kaum jemand hat die Stadt so geprägt wie er.

City of London

Die moderne Architektur ist ebenfalls umfangreich vertreten. Wo sollen all die Banker sonst auch arbeiten? Deshalb ist die City of London, wo der Finanzdistrikt beheimatet ist, das wichtigste Ziel der Architektur- und Foto-Liebhaber:

Docklands

Das größte Sanierungsprojekt Europas, die Docklands im Osten der Metropole, verwandelte ein altes Hafengebiet in ein modernes Geschäftsareal. Mittlerweile wird dort auch gewohnt, gespeist und veranstaltet. Der Millennium Dome (heute: O2 Arena), das größte Kuppelgebäude der Welt, ist das bekannteste Bauwerk in diesem Bezirk.

In der Canary Wharf konzentrieren sich die Wolkenkratzer der Docklands, mit dem Canary Wharf Tower als Aushängeschild. Neben modernen Wohnhäusern mit Hochpreisappartments liegen teilweise noch die Sozialwohnungen der Docks-Bevölkerung. Soziale Konflikte sind vorprogrammiert.

Einzelgebäude

Herausragende Einzelgebäude sind:

  • London Eye: War sechs Jahre lang das größte Riesenrad der Welt mit gigantischem Blick über die Stadt.
  • Battersea Power Station: Kohlekraftwerk, Ziegelstein-Kathedrale und Cover von Pink Floyds Album „Animals“
  • The Shard: Mit der „Scherbe“ hat London architektonisch eine neue Spitzenattraktion und buchstäblichen Höhepunkt bekommen.

Dem Fotografen wird es in London nicht immer einfach gemacht. Vielerorts wird man von Sicherheitspersonal weggeschickt, und wenn es nur Außenaufnahmen sind. Die riesige Ausdehnung der Stadt erfordert lange Wege. Die ist man aber in der Regel bereit auf sich zu nehmen, weil die Menge und Qualität an Motiven fantastisch ist. Die geplanten Neubauten versprechen viel und so ist London europa- und auch weltweit gesehen eines der Top-Ziele für Fans der modernen Architektur.

Potenzial:
Wertung:

ValenciaStadt der Künste und der Wissenschaften

Santiago Calatrava gehört weltweit zu den gefragtesten Architekten dieser Zeit. Sein Studium (nach der Architektur) als Bauingenieur, womit er als bodenständiger „Techniker“ bewertet werden könnte, lässt kaum auf eine so ausgefallene und spektakuläre Bauweise schließen. Seine organisch-futuristischen Bauten verleiten sofort zu Vergleichen mit der Natur: Wal, Muschel, Ei, Flügel, Skelett.

Geboren im Umland Valencias hat er seiner Heimat einen Komplex für über 700 Mio. Euro „spendiert“, der seinesgleichen sucht. Die Ciudad de las Artes y de las Ciencias (Stadt der Künste und Wissenschaften) ist ein Park mit Museen, Aquarien, Oper, Kino und Planetarium. Die schneeweißen, insektenhaften Gebäude (das Wort „Gebäude“ ist eigentlich eine zu ordinäre Bezeichnung dafür) leuchten in der sonnenreichen spanischen Großstadt mit dem Himmel um die Wette.

Zu den wichtigsten Bauwerken gehören:

  • L’Hemisfèric: Großes Planetarium und Kino, das einem Auge nachempfunden wurde und sich öffnen kann.
  • Museo de las Ciencias Príncipe Felipe: Das Wissenschaftsmuseum ähnelt einem Dinosaurierskelett und schimmert von Wasser umgeben abends bunt beleuchtet.
  • Palau de les Arts Reina Sofía: Die Oper verändert ihr Aussehen förmlich aus jedem Blickwinkel. Mal ein spaciger Motorradhelm, dann ein Raumschiff, ein menschliches Gesicht oder Auge mit rautenförmiger Pupille.
  • L’Umbracle: Überdimensionales Portal als Eingang zur Stadt und luftige Grünanlage mit dünnen, weißen Bügeln wie ein Moskitonetz
  • L’Oceanogràfic: der größte Aquariumskomplex in Europa mit verspiegelter Fassade und steil geschwungenem Dach

Calatravas Stil hat enge Grenzen. Daher wird ihm oft zum Vorwurf gemacht, er kopiere sich selbst. Nichtsdestotrotz ist Stadt der Künste und Wissenschaften ein einzigartiges Zentrum hochmoderner Architektur und ein Muss für Foto-Fans mit diesem Interesse. Ob sich die Besuche der dortigen „Attraktionen“ lohnen, wage ich aber angesichts der Eintrittspreise von knapp 30 Euro (L’Oceanogràfic und Wissenschaftsmuseum) allerdings zu bezweifeln.

Zwar liegt Valencia nicht „auf dem Weg“, steht aber auf meiner langen Location-Wunschliste relativ weit oben. Vor allem auch deshalb, weil es neben der Ciudad de las Artes y de las Ciencias auch noch viele andere Sehenswürdigkeiten zu bieten hat.

Potenzial:
Wertung:

Weitere Locations

Diese Liste lässt sich beliebig erweitern. Weitere nennenswerte Ziele sind:

  • Moskau: Wenn acht der zehn höchsten Wolkenkratzer in Moskau stehen, muss das einen Grund haben.
  • Madrid: Wenn auf der Plaza Castilla die Bankentürme ineinander stürzen
  • Brüssel: Büroviertel Espace Nord, Atomium, EU-Viertel
  • Kopenhagen: Hochklassige Bauten der Dänen, die moderne Architektur lieben

Welche Locations könnt ihr empfehlen? Egal ob groß, klein oder geheim. Schreibt mir einfach.


Foto von La Défense in Paris: ros k @ getfunky_paris, „grisaille“, Some rights reserved., Quelle: www.piqs.de

Fotos von Lüttich, Rotterdam, Valencía: CC0 1.0 Universell , Quelle: www.pixabay.de

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