Top-Locations der modernen Architektur: Arabische Halbinsel und Zentralasien

Die Vereinigten Arabischen Emirate sind ein Wunderland der modernen Architektur. In Dubai und Abu Dhabi, den beiden herausragendsten Vertretern, herrscht experimentelle Bauwut. Den international tätigen Stararchitekten werden viele Freiräume gelassen: Hauptsache groß, prachtvoll und atemberaubend. Die Denkmäler, Symbole und Ikonen sind Machtdemonstrationen und Zugpferde im erstarkenden Tourismus.

Im diesem Teil der Artikelserie „Top-Locations der modernen Architektur“ geht es um die arabische Halbinsel und Zentralasien.

Öl und Gas haben diese beiden Regionen groß gemacht. Milliardenschwere Bauprojekte stehen in den Startlöchern. Die Städteplanungen der autokratischen Herrscher reichen mehrere Jahrzehnte in die Zukunft. Man darf gespannt sein, wie sich diese Babylons entwickeln.

Jede aufgeführte Region bewerte ich mit zwei Einschätzungen. Das „Potenzial“ soll objektiv die Menge und Vielfältigkeit der Motive wiedergeben. Die „Wertung“ ist eine Note, die auch infrastrukturelle und organisatorische Punkte (Erreichbarkeit und Zugänglichkeit der Locations, Sicherheitsbestimmungen, Klima und Wetter etc.) und auch subjektive Präferenzen beinhaltet.

DubaiBauwut in Dubai

Die größte Metropole der Vereinigten Arabischen Emirate polarisiert. Für die einen ist sie ein orientalischer Traum, für die anderen eine Wüstenstadt aus dem Labor.

Nach der Perlenfischerei und dem Gold kam in den 60er Jahre das Öl. Seitdem ist die Stadt vollkommen umgekrempelt worden. Der ökonomische Aufstieg hat, gepaart mit niedrigen Steuern und liberaler Wirtschaft, einen Bauboom exorbitanten Ausmaßes ausgelöst.

Dubai ist die weltgrößte Ansammlung von laufenden und geplanten Immobilienprojekten, finanziert von privaten und staatlichen Investoren, natürlich auf Pump. Architektur ist ein aktiv geförderter Pfeiler der Wirtschaft. Sie ist Bahn brechend, experimentell, aber auch kitschig und protzig.

Fast alles lässt sich realisieren, die Vorschriften sind verhältnismäßig lax. Seit den 90ern sind 200 Wolkenkratzer mit über 150 Metern Höhe entstanden, davon 20 sogar über 300 Meter. Angeblich stehen 15 bis 25 Prozent aller Baukräne hier. Ganze Inseln werden zu Ferienparadiesen aufgeschüttet. Das ist Sim City. Oder Sin City?

Zu den Pflichtbesuchen jedes Fotografen gehören folgende Bauwerke:

  • Burj Khalifa: Das mit 828 Metern höchste Gebäude der Welt hat fast 200 Stockwerke. 330.000 Kubikmeter Beton, 39.000 Tonnen Stahl, 12.000 Arbeiter, 1,5 Milliarden US-Dollar. Mehr geht (momentan) nicht.
  • Die Dubai Mall ist das größte Shopping-Center der Welt mit einer Verkaufsfläche von 350.000 Quadratmetern.
  • Jumeirah Emirates Towers: Die beiden dreieckigen über 300 Meter hohen Hoteltürme haben riesige Atrien mit gläsernen Aufzügen.
  • Jumeirah Beach Hotel: Hier geht es nicht in die Höhe, sondern in die Breite. Nicht nur der Name des Hotels steht mit Wasser in Verbindung. Die Gebäudesilhouette ist wellenförmig. Es gibt Saunen, Dampfbäder, Swimming Pools und einen eigenen Jachthafen.
  • National Bank: Kennzeichen des Bankgebäudes ist die gekrümmte, verspiegelte Außenfassade.

Inseln

Die künstlichen, aufgeschütteten Inseln Dubais gehören zu den aufwändigsten Bauprojekten weltweit. Auf ihnen stehen zwei Wahrzeichen:

  • Burj al Arab: Der „Turm der Araber“ ist das markanteste Gebäude der Stadt. Es gleicht einem Segel und erinnert so an die Vergangenheit Dubais als Seehandelsmacht.
  • Atlantis auf der Insel The Palm Jumeirah ist ein Hotelkomplex, der ganz im Zeichen der mythischen, untergegangenen Stadt steht. Der Architekturkritiker Mike Davis umschreibt es treffend mit „Walt Disney trifft Albert Speer„.

Dubai Marina

25 Kilometer südwestlich des Zentrums sind die Gebäude kaum niedriger geworden.

  • Cayan Tower: Verdrehter, schlanker Wohnturm
  • Princess Tower: Welthöchstes (414 Meter) mit einer Kuppel gekröntes Wohngebäude
  • Elite Residence: Wohn-Wolkenkratzer mit Krone
  • Ocean Heights: Elegantes, leicht geneigtes Hochhaus mit über 500 Wohnungen
  • Pentominium: Noch im Bau befindlicher Super-Wolkenkratzer mit markanten Vorsprüngen und Zwischenräumen in der Fassade.

Altes Dubai, neues Dubai

Man vergisst schnell, dass Dubai eben nicht nur ein Hochhaus-Märchen ist. Altstadt und Hafen existieren tatsächlich immer noch. Die Slums, in denen eine Million Gastarbeiter hauptsächlich aus Indien und Pakistan wohnen, sind eine menschliche Katastrophe.

Aber es ändert sich was: Die Petrodollar werden weniger, die Touridollar mehr. Aber es bleiben Dollar. Viel hängt von den kreditfinanzierten Investoren ab. Den Finanzcrash 2007 überlebten einige Großprojekte nur durch staatliche Hilfe. Und zwar die aus dem Nachbaremirat Abu Dhabi. Vieles ist auf unbestimmte Zeit verschoben.

Energieeffizienz und Umweltverträglichkeit haben beim Bauen nun größeres Gewicht. Bei Mietnebenkosten von 20 Euro im Monat für Strom fragt man sich aber dennoch, wo das Bewusstsein dafür herkommen soll.

Fest steht, dass Dubai ein Paradies für den an modernder Architektur interessierten Fotografen ist. Und da sich die Stadt alle zehn Jahre so gut wie vollständig erneuert, lohnen sich in diesen Zeitabständen gleich mehrere Besuche.

Potenzial:
Wertung:

Abu DhabiSheikh Zayid Moschee in Abu Dhabi

Die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate war vor dem Ölboom relativ unbedeutend, zumindest weit weniger als sein Konkurrent Dubai. In den 70ern wurde die Stadt im großen Stil nach Schachbrettmuster neu geplant. Ein Masterplan peilte 600.000 Einwohner an.

Vor fünf Jahren hat der Stadtplanungsrat ein Konzept für das nächste Vierteljahrhundert vorgestellt. Das ist nur bei autokratischen Regimes möglich.

Büro und Wohnen

Aufsehen erregende Gebäude mit gemischter Nutzung sind:

  • Etihad Towers: Der Komplex mit fünf Hochhäusern ist eine kleine Stadt für sich. Die leicht geneigten Wolkenkratzer wirken wie eine Skulptur eines Grüppchens schwatzender Altherren.
  • Aldar Headquarters: Spektakuläre Firmenzentrale in Diskusform, bei der 10.000 dreieckige Glaselemente für die Fassade verbaut wurden.
  • Capital Gate Tower: Der am stärksten „freiwillig“ geneigte Wolkenkratzer der Welt ist ein Meisterwerk der Ingenieurskunst und elegant dazu.

Kultur und Entertainment

Folgende Bauwerke gehören bzw. werden zu den Top-Sehenswürdigkeiten gehören:

  • Scheich-Zayid-Moschee: Die fantastische Moschee, im islamischen Stil 2007 erbaut, ist zwar kein klassisch modernes Bauwerk, aber eben noch sehr jung. Die Ausmaße, die Baumaterialien, die Ausstattung und Dekoration sind atemberaubend.
  • Ferrari World: Ein Themenpark mit einem charakteristischen, dreieckigen und natürlich knallroten Dach.
  • Saadiyat Island: Dieses mit 27 Milliarden Dollar veranschlagte Projekt ist das wahrscheinlich ehrgeizigste des Landes. Eine Museumsinsel, bei der man nicht weiß, ob die Gebäude oder deren „Inhalte“ das eigentlich Sehenswerte sind. Mit Jean Nouvel, Norman Foster, Tadao Ando und Frank Gehry sind eine ganze Schar großer Namen am Werk. Ende 2015 soll das erste Museum eröffnen.

Hotels

Wie in Dubai boomt auch in Abu Dhabi der Tourismus. Imposante Hotelkomplexe sind:

  • Yas Hotel: Die zwei Gebäudeteile diesen moderne Luxus-Hotels sind durch eine Brücke verbunden, unter der die Formel 1-Rennstrecke herführt. Die Fassade wird von einem „Moskitonetz“ umspannt, das abends bunt leuchtet.
  • Emirates Palace: Das Vorzeige-Hotel Abu Dhabis ist ein neuer Bau im alten arabischen Stil. Über 100 Kuppeln verzieren das Bauwerk. Nur feinster Marmor und Granit wurden verwendet.
  • Hilton Capital Grand: Die gläserne Welle Abu Dhabis

Nicht nur architektonisch ist Abu Dhabi aus dem Schatten seines großen Nachbarn Dubai herausgetreten. Das Kultur- und Freizeitangebot wächst enorm. Die Formel 1-Strecke ist ein Alleinstellungsmerkmal. Die Planungen scheinen zwar nicht so zügig, dafür aber durchdachter zu sein. Auch die Nachhaltigkeit hat einen höheren Stellenwert. Die Nachbarstadt Masadar soll gar eine Muster-Ökostadt werden.

In Abu Dhabi wird noch viel passieren, soviel steht fest. Großprojekte wie die Museumsinsel Saadiyat Island stehen noch am Anfang. Aber auch jetzt ist das Emirat schon ein lohnenswertes Architekturziel.

Potenzial:
Wertung:

AstanaBajterek-Turm, Astana

Sagte ich im letzten Artikel, in dem es um die moderne Architektur in Amerika ging, dass Brasília einzigartig ist? Da war ich wohl zu schnell. Astana ist eine junge Stadt (1830) und noch jüngere Hauptstadt (1997), geboren aus Öl und Gas.

Inmitten der kasachischen Steppe fand in den letzten 15 Jahren eine regelrechte Metamorphose statt. Zwar existieren noch einige Gebäude aus der Sowjetzeit der 60er und 70er, doch das Meiste fiel den Planierraupen zum Opfer, um den Kasachen und vor allem dem Präsidenten und Alleinherrscher Nasarbajew eine prachtvolle Kapitale zu schenken.

Für den Masterplan zur Stadtgestaltung wurde der bekannte japanischer Architekt Kisho Kurokawa engagiert. Seine „Symbiosis„, ein ganzheitliches Konzept eines Miteinanders von Menschen, Natur, Politik, Wirtschaft und Kultur, konnte er aber nicht durchsetzen. Die Auftraggeber funkten ihm regelmäßig dazwischen. Es sollte dann doch lieber schnell gehen und hoch werden.

So ist Astana zur Spielwiese bekannter Baumeister wie Norman Foster geworden. Vieles wirkt verspielt, bunt und futuristisch. Ein asiatisches Las Vegas. Riesige Boulevards und Plätze unterstützen die Monumentalität. Doch trotz großen Zuzugs sind auf den Fotos kaum Menschen zu erkennen. Die, die hier leben, sehen die Stadt eher zwiespältig. Von künstlich bis großartig reichen die Urteile.

Zurück zur Architektur. Zu den sehenswerten Gebäuden zählen:

  • Bajterek-Turm: Für die einen ist es der Lebensbaum, für die anderen ein Fußballpokal. Unbestreitbar ist er das Wahrzeichen der Stadt, aber auch ein Denkmal für den „Führer der Nation“, den Präsidenten Nasarbajew.
  • Ak Orda Präsidentenpalast: Der (nicht direkt moderne) Präsidentenpalast ähnelt nicht umsonst dem Weißen Haus. Ak Orda bedeutet „weiße Horde“.
  • Transport Tower: Das zweithöchste Gebäude ist halbrund und hat eine interessant variierende Fassade
  • Railways Building: Die beiden kegelförmigen, blau schimmernden Türme sind über mehrere Gänge verbunden und Heimat der staatlichen Eisenbahngesellschaft
  • KazMunayGas: Der Hauptsitz der staatlichen Mineralölgesellschaft ist ein symmetrischer postsowjetischer Klotz mit großem Portal.
  • Triumph Astana: Ein monströs anmutendes postmodernes Hotel, das mit überladener Dekoration den Stil der 50er-Jahre-Sowjet-Architektur aufgreift.
  • Kazakhstan Central Concert Hall: Skurrile Konzerthalle mit ineinander verschachtelten, gebogenen Außenwänden, die an Blütenblätter erinnern. Sie fasst 3500 Menschen und ist damit eine der größten der Welt.
  • Khan Shatyr Entertainment Center: Das Königliche Zelt (wie es übersetzt heißt), designt von Norman Foster, ist das größte Zeltgebäude der Welt (150 Meter Höhe, 140.000 Quadratmeter). Das transparente Dach lässt viel Licht hinein und schafft eine natürliche Atmosphäre.
  • Palace of Peace and Reconciliation: Der Palast des Friedens und der Versöhnung ist eine riesige Pyramide aus Glas und Stahl mit dreieckigen Fassadenelementen.

Astana ändert sich in rasendem Tempo. Planungen reichen bis ins Jahr 2030. Ein spannendes Feld für Architekturfotografen, aber sicher auch eine Frage des Geschmacks.

Potenzial:
Wertung:

Weitere Locations

Besonders im arabischen Raum sind noch weitere Architektur-Spots auszumachen: Katar, Mekka, Jeddah. Wer kennt noch andere lohnenswerte Destinationen?


Foto vom Bajterek-Turm in Astana: koljan, „Bajterek-Turm“, Some rights reserved., Quelle: www.piqs.de

Fotos von Dubai, Abu Dhabi: CC0 1.0 Universell , Quelle: www.pixabay.de

Das könnte dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.