Die Kathedrale des Lichts

Bahnsteig
Eine Farbwelt in grün und blau auf dem Bahnsteig.

Es ist doch nur ein Bahnhof! Das stimmt, aber was für einer! Der Bahnhof Liège (Liège-Guillemins) bzw. Lüttich ist ein im wahrsten Sinne des Wortes blendendes Wahrzeichen moderner Architektur. Organische Formensprache vereint sich mit funktionaler Mobilität.

Dabei hatte ich das Bauwerk viele Jahre ignoriert. Des Öfteren war ich mit dem Thalys seit 2002 hier durchgefahren, aber nie wirklich wahrgenommen. Das änderte sich erst mit meinem aufkeimenden Interesse an zeitgenössischem Bauen vor gut zwei Jahren.

Muschel

Recherche und Vorbereitung

Anfang 2014 fasste ich den Entschluss den Bahnhof zu fotografieren, aber bis zum Besuch verging noch fast ein ganzes Jahr.

Ein ehemaliger Arbeitskollege schwärmte von Liège-Guillemins und auch Freunde aus diversen Online-Fotoportalen waren begeistert. Das Internet bot eine Menge Material in Text- und Bildform. Ich wollte aber nicht einfach nur „Nachfotografieren“, sondern auch eigene Motive finden.

Lüttich ist nur einer Stunde mit der Bahn von Köln und gut 90 Minuten mit dem Auto von Leverkusen aus zu erreichen. Ich nahm das Auto, weil ich nicht auf einen Termin festgelegt sein wollte. Ganz wichtig war für mich gutes Wetter. Die Sonne sollte vom Himmel strahlen, um die Kontraste mit dem weißen Gebäude zu maximieren.

Fast mein gesamtes Fotogepäck ging mit auf Reisen. Die 600D, alle Objekte von 8 bis 300 Millimeter, das Cullmann-Stativ, Filter und Fernauslöser.

Bahnhofsuhr

Der Architekt

Geplant und erbaut wurde der Bahnhof von Santiago Calatrava, einem spanischen Architekten, der 1951 in Valencia geboren wurde.

Sein Kennzeichen ist der organisch-futuristische Baustil, der seine Vorbilder in der Natur findet. Fast alle Werke sind skulptural, spektakulär und stehen als Wahrzeichen für den Ort, in dem sie errichtet wurden. Als studierter Bauingenieur bringt er das Wissen mit, seine teils sehr gewagten Konstruktionen technisch ausgefeilt zu bauen. Das führt aber auch das ein oder andere Mal zu Ärger.

Das größte Projekt Calatravas ist die Stadt der Künste und der Wissenschaften, ein Kultur- und
Architekturkomplex in Valencia. Weitere seiner Werke sind:

Zylinder

Das Bauwerk

Die Gestaltungsprinzipien des Bahnhofs heißen Bewegung, Kommunikation und Transparenz. Das ist auf den ersten Blick ersichtlich. Die Züge fliegen förmlich durch die luftige Konstruktion hindurch. Eine Außenfassade gibt es nicht. Alles ist hell und offen. Am Tag ist keine zusätzliche Beleuchtung notwendig.

Stahl, Glas und weißer Beton herrschen vor. Blickfang Nummer eins ist das Dach. Es schwingt sich locker und leicht in eine Höhe von 40 Metern und fließt wie eine gigantische, fast 200 Meter lange Welle über den Boden. Die langen Bögen erinnern den einen an eine Muschelschale, den anderen an ein Fußballstadion.

Fast 10 Jahre wurde am Bahnhof Liège bis zur Fertigstellung 2009 (mit drei Jahren Verspätung) gebaut. Dabei verschlang er 312 Millionen Euro.

10.000 t Stahl wurden benötigt. Die 39 Bögen sind mit Glas verbunden und verlaufen parallel zu den neun Gleisen. Das Gebäude erstreckt sich über drei Etagen.

Zu spät

Der erste Eindruck

Mein Auto hatte ich oberhalb am Boulevard Gustav Kleyer geparkt. Zu Fuß ging es durch einen Park steil bergab. Erst im letzten Moment öffnete sich der Blick von Südwesten auf das Bauwerk. Von der oberen Ebene war das Dach zum Greifen nahe. Die weiße Welle schwappte förmlich über mich.

Der gesamte Bahnhof lag mir zu Füßen. Diesen Eindruck musste ich erst mal wirken lassen. Ich glaube, dass es den zwei oder drei anderen Fotografen hier oben ähnlich ging. Hier hätte auch der Sonnenkönig Louis XIV. stehen und reden können. Ja, die Sonne begleitete mich natürlich.

Meine Experimente mit horizontalen und vertikalen Panoramen schlugen leider fehl. Der Weitwinkel, der nahe und ferne Objekte gleichermaßen erfasste, führte leider zu Parallaxenfehlern im zusammengesetzten Bild. Seit heute stand ein Nodalpunktadapter auf meiner Wunschliste für Fotozubehör.

Traum in Weißblau

Stahlblauer Himmel und weiße Wellen. Das ist ja wie am Meer, dachte ich. Paradiesisches Weißblau gibts eben nicht nur in Bayern, sondern auch in der von Kohle- und Stahlindustrie geprägten Wallonie. Ein faszinierender Kontrast.

Ich stieg die Treppen von der Plattform zur obersten Etage hinunter. Hier verlief die Straße und noch davor ein Arkadengang, von dem einige Büros abzweigten. Die dicht aneinander gestellten Streben wirkten wie in Walskelett. Im Sucher war der Tunnelblick perfekt.

Die Geometrie ließ sich von hier sehr gut erkennen. Das Abstrakte, die Formen und Linien sprangen ins Auge und waren dankbare Beute für meine Kamera. Schatten warfen Muster auf die Streben und formten immer neue Strukturen.

Zum ersten Mal überhaupt in meinem Fotografenleben belichtete ich konstant eine bis zwei Blenden über. So entfaltete sich ein durchdringendes Weiß in dieser Kathedrale des Lichts. Wenn meine Kamera also nach rechts kippte, dann nur wegen des Histogramms.

Auf den Bahnsteigen

Huch, jetzt fotografierte ich schon gute drei Stunden hier. Die Zeit verging wie im Flug (oder Zug?). Dabei hatte ich noch nicht einmal einen Fuß auf den Bahnsteig gesetzt.

Über eine Rolltreppe gelangte ich nach unten zu den Gleisen. Die typischen Bahnhofsuhren mit ihrem simplen Design und den großen Zifferblättern bildeten vor den langen Deckenstreben ein Formenspiel. Mal mit dem und mal gegen das Licht.

Die gläsernen Aufzüge standen mittig auf den Plattformen. Der zylindrische Glaskörper war oben mit Aluminium verkleidet. Die dadurch verzerrt widergespiegelte Umgebung war ein Motiv par exellence.

Am Abend mischte sich das natürliche Restlicht mit der künstlichen Beleuchtung. Unter den Uhren glühten dicke, runde Leuchtkörper. Zur Blauen Stunde fing ich mit Langzeitbelichtungen die Dynamik der abfahrenden Züge ein.

Menschen und Tiere (Tauben) wollte ich nicht auf meinen Bildern haben. Die Architektur sollte dominieren.

Farbmix

Unter der Oberfläche

In Liège-Guillemins ging es nicht unter die Erde. Die Geschäftszeile und die unteren Zugänge zu den Gleisen lagen im Erdgeschoss auf der Ebene des Bahnhofsvorplatzes im Nordosten. Aber es sah einfach unterirdisch aus. Und das ist positiv gemeint.

Die Rolltreppen schrien nach symmetrischen Aufnahmen. Sie wurden bei langen Belichtungen regelrecht zu Rutschen.

Walskelette gab es auch hier. Ein Blick an die Decke war ein Muss. Auf der Südwestseite überdachten die langen Rolltreppen zwei Ebenen.

Schneller als die Treppen waren die Aufzüge. Die langen Glasröhren wirkten wie eine gigantische Rohrpostanlage. Es war verhältnismäßig wenig los. Das kam mir entgegen.

Fazit

Um es auf den Punkt zu bringen: absolut lohnenswert. Auch wenn die Anreise länger gewesen wäre, würde ich dieses Urteil fällen.

Der Bahnhof Liège ist ein dankbarer Ort für architektonisch interessierte Fotografen. Er schenkt einem viele Motive, vor allem grafische und abstrakte.

Die vom Architekten gewünschte Transparenz kommt voll zur Geltung. Die Kathedrale der Mobilität ist auch eine Kathedrale des Lichts: weit, hell, erhaben.

Das Skelett

Ich rate jedem Besucher bei gutem Wetter anzureisen. Die eingefangenen Farbkontraste sind fantastisch. In der Schwarzweiß-Konvertierung werden sie zu gegensätzlichen Tonwerten.

Ganz besonders habe ich mich darüber gefreut, dass ich während des Fotografierens auf keinerlei Probleme gestoßen bin. Auch als ich minutenlang mit Stativ auf dem Bahnsteig knipste, hielt mich kein Bahnmitarbeiter an. In deutschen Bahnhöfen wäre das nicht möglich.

Und nun meine Bitte an den Betreiber des Bahnhofs: Einmal das gesamte Dach ordentlich feucht durchwischen. Da hat sich in den letzten fünf Jahren so einiger Dreck angesammelt :-D.

Ich finde es wichtig, eine durchgeführte Fotosession im Nachhinein zu analysieren, um Fehler aufzudecken. Das ist
ein wichtiges Mittel, um die Qualität der eigenen Arbeit zu erhöhen. Bei mir kam trotz der Euphorie über gute Bilder einiges zusammen.

Als verpasste Motive habe ich ausgemacht:

  • Glasbausteine im Boden bzw. an der Decke. Von der unteren Ebene hätte man nach oben „schießen“ können und die Füße der Bahnreisenden über sich gehabt.
  • Gesamtansichten zur Blauen Stunde. Zu dieser Zeit war ich fast nur auf den Bahnsteigen und fotografierte die vorbeifahrenden Züge.
  • Gesamtansichten oder das Dach vor dem dunkelblauen Himmel entgingen mir.
  • Im Aufzug: Bilder aus dem Aufzug mit dem Ultraweitwinkel oder Fisheye Richtung Decke ergäben eine neue, interessante Perspektive.

Ein dummer Fehler schlich sich bei mir während der Nutzung des Polfilters ein. Ich stellte meist auf „maximale Verdunklung des Himmels“ und achtete dabei nicht auf die Reflexionen an der Decke. Die hatte ich leider nicht reduziert.

So bleibt noch genug Potenzial für einen zweiten Besuch (dann mit Panoramakopf). Sollte ich dann immer noch nicht genug haben, werde ich mich bis 2018 gedulden. Dann soll nämlich Calatravas neuer Bahnhof im nicht weit entfernten Mons fertig werden.

Das könnte dich auch interessieren...

1 Reaktion

  1. Markus Schultheis sagt:

    Im April plane ich mit den fotofreunden Aachen und Euregio e.V. eine fototour nach Liege, Wie ich sehe haben sie trumhafte Aufnahmen von dort mitgebracht. Können sie mir etwas sagen wo ich eine Fotoerlaubnis erhalten kann und od das fotogrfieren dort problemlos möglich ist?

    Mfg
    Markus Schultheis

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.