Meine fotografische Entwicklung: Fotografie wird zum Hobby

Kleine Freizeitbeschäftigung, ernstes Hobby oder semiprofessionell? Im dritten Teil der Serie „Meine fotografische Entwicklung“ erzähle ich von einer produktiven Zeit zwischen 2006 und 2009, in der mich die Kamera auf fast allen Kontinenten der Welt begleitete.

Lichtblick am Machu PicchuFotograf und Kamera entdecken die Welt

Nach den ersten Monaten intensiver Nutzung kehrte bei mir wieder der Alltag ein. Und dort war die Kamera kaum vertreten, wohl aber im Urlaub. Meine Frau und ich waren reisesüchtig und wir suchten uns viele Fernziele außerhalb Europas aus: Südafrika, China, Indien, Peru, Bolivien, Chile, Japan. Wir waren zu beneiden.

Die Canon war selbstverständlich überall dabei, aber ich machte für sie keine großen Umwege. Ich reiste, um zu erleben, nicht um zu fotografieren. Wenn ich dann aber einmal an einem wunderschönen Ort war, musste meine Frau auch schon mal zehn Minuten warten, bis ich das geeignete Motiv im Kasten hatte. So zum Beispiel auf dem Machu Picchu, auf dem während unseres Besuchs nur drei oder viermal für wenige Sekunden ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke brach.

Kind aus PushkarIch versuchte die Schönheiten der Länder und Regionen herauszuarbeiten, den Blick für den Alltag und seine Normalität hatte ich noch nicht. Die Müllberge und die Armut in Rajasthan, die Wüste von Betonskeletten in Peking und die japanischen Toiletten nahm ich zwar wahr, aber sie waren mir in diesem Augenblick einfach nicht fotografierenswert. Dafür lichtete ich die Reisterrassen in China, Hochhäuser in Hong Kong, Gesichter in Indien und Wasserfälle in Norwegen ab.

Ich war ich der „normale“ Urlaubsfotograf. Nach Ken Rockwells „Die sieben Stufen von Fotografen“ also maximal Level 2. Ein langer Weg… Ach, Quatsch. Was kümmert mich, wie andere denken? Es war mir egal. Ich fotografierte für mich. Die Bilder zeigte ich meinem engsten Verwandten- und Freundeskreis. Ich hatte Spaß, aber keine großen Ziele.

Gestaltung lernen

Torii-AlleeStatt mich tiefer in Technologie und Technik hineinzuarbeiten beschloss ich, an meiner künstlerischen Seite zu feilen. Die Bildgestaltung war mir wichtig. Bewusster fotografieren statt nur zu knipsen, war mein Motto. Und siehe da, ich hatte doch ein Ziel. Unbewusst getroffene Gestaltungsentscheidungen wie die Befolgung der Drittelregel hinterfragte ich, kam aber schließlich zu dem Schluss, dass sie allgemeingültig sind und ich sie weiter anwenden wollte.

Ich kaufte einige allgemeine Bücher zur Fotografie: „Einfach fotografieren“ (Hedgecoe), „Der große Humboldt Fotolehrgang“ (Striewisch) und „Bildkomposition und Bildwirkung in der Fotografie“ (Zimmert/Stipanits). Es waren allesamt gute Bücher und obwohl ich gerne las, hatte ich ein Problem. Wegen meines schlechten Gedächtnisses vergaß ich den gelesenen Stoff sehr schnell wieder, es sei denn, ich wandte ihn praktisch an.

Taj MahalGesagt, getan. Auf Reisen boten sich zahlreiche Möglichkeiten dazu. Ich versuchte mich am Freistellen bzw. am Spiel mit der Tiefenschärfe (manchmal mit digitaler Nachhilfe), erspähte Formen und Reihen und suchte Rahmen für Motive. Auch an einigen Lichtspielen während der Dämmerung (Stichwort „Available Light“) versuchte ich mich.

Neben dem Ablichten großer Sehenswürdigkeiten legte ich besonderen Wert auf Details. Meine Frau sprach mich einige Male darauf an. Ich erwiderte, dass ich mich in Bildgestaltung übe. Ihr eher dokumentarischer Fotostil ergänzte im Übrigen unsere Reise-Fotosammlung perfekt.

Ganz allmählich lernte ich zu sehen und damit auch ungewöhnliche Motive zu entdecken. Kontraste, ungewohnte Perspektiven oder ungewöhnlichen Alltag. Die Devise lautete: Üben, üben, üben.

Die liebe NachbearbeitungVøringsfossen vorher/nachher

BILD: ein Vorher/Nachher-Bild: Voringfossen Norwegen

Nachbearbeitung war und ist ein kontrovers diskutiertes Thema und der digitalen und analogen Welt. Ich halte sie für eine Bereicherung in der Fotografie. Sie muss aber individuell für jedes einzelne Foto neu bewertet werden. Folgende Unterteilung dieses Komplexes (mit fließenden Übergängen) ist rein subjektiv:

  1. Globale Standard-Korrekturen: Wahl des Ausschnitts, Perspektivkorrektur (stürzende Linien), Horizont begradigen, Fehlbelichtungskorrektur, Kontrastanpassung, Schärfung
  2. Individuelle, lokale korrekturen: störenden Elemente entfernen wie z.B. rote Augen, Mülleimer am Wegesrand, Hochspannungsleitungen
  3. Verfremdungen: Farben ersetzen (Color Key), Hintergründe ersetzen
  4. Composings: Arrangement verschiedener Fotos oder anderen Teilen, z.B. 3D-Modellen

Zu dieser Zeit lag ich dabei schätzungsweise in der Mitte des breiten Spektrums zwischen Nachbearbeitungsverweigerern und glühenden Verfechtern. Ich nutzte Techniken aus Punkt 1) und 2). Das traf auf gut 60 Prozent der Bilder zu. Heute bearbeite ich ich im Postprocessing (unter Lightroom) zwar fast alle Bilder, wende aber keine kaum andere oder neuen Verfahren an.

Techniken ausprobieren

Ich war (und bin) ein bodenständiges Gewohnheitstier. Wenn ich einmal eine Technik gefunden hatte, blieb ich auch meist dabei. Die üblichen Motive, kein eigener Stil. Meine Experimentierfreudigkeit hatte enge Grenzen, leider eine meiner Schwächen. Es war vor allem schlecht, um neues zu lernen. Das wollte ich ändern.

Techniken in der (digitalen) Fotografie gibt es wie Sand am mehr. Im Kontext dieses Artikels meine ich damit u.a. folgendes:

  • spezielle Bildbearbeitungsprozesse wie Schärfen oder Schwarz-Weiß-Umwandlung
  • Aufnahmetechniken wie Makros mit Retroadapter oder Panoramen
  • Ausgabe- und Präsentationstechniken und wie Collagen und Fotomosaike

Während der Lektüre von Fachzeitschriften und -büchern lernte ich einiges davon in der Theorie kennen. Ich entschied mich dafür, einige davon näher zu betrachten und vor allem praktisch anzuwenden: Erhöhung des Kontrastumfangs mittels HDR und Tonemapping, Panoramen, Langzeitbelichtungen und die Hochpass-Schärfung als Nachbearbeitungsschritt.

HDR

Budapester Parlament

HDR war gerade (ca. 2007) unheimlich in und obwohl ich kein blinder Mitläufer war, reizten mich die ziemlich sexy aussehenden Bilder in der Fachpresse und im Netz. Ich kaufte mir die HDR-Software Photomatix und spielte ein wenig damit, unterließ aber die grausamen, quietschbunten Übertreibungen, die überall ihr Unwesen trieben. Nach einer euphorischen Startphase legte sich die Begeisterung langsam wieder. Heute verzichte fast vollständig darauf. Warum, könnt ihr im Artikel „HDR – Fluch oder Segen?“ lesen.

Panoramen

Panorama vom Aurlandsfjord

Panoramen hatten mich ebenfalls fasziniert. Ich probierte dazu das kostenlose Hugin aus, das in den ersten Versionen etwas sperrig zu bedienen war. Der Fokus lag eindeutig auf auf Landschaften. Im Gegensatz zu HDR blieb ich den Panoramen mehr oder weniger treu, wobei ich sie nur sehr spärlich einsetzte. Verbesserungen bzw. Herausforderungen kamen im Laufe der Jahre durch horizontale Panoramen aus Hochkantaufnahmen, Vertoramen und HDR-Panoramen hinzu. Mittlerweile bin ich auf PTGui umgestiegen, das eine bessere Bilderkennung für das Stitching bietet.

Langzeitbelichtungen

Tvinnefossen

Die seidenweiche Anmutung bei Langzeitbelichtungen von Wasserfällen oder Küsten zählte für mich zu den größten Hinguckern. So kaufte ich einen Graufilter und versuchte mich besonders in Norwegen am kühlen Nass. Der Sommer 2008 zählte zu den schönsten seit Jahren. Nur Anfang August, als wir dort waren, goss es wie aus Kübeln. Das ein oder andere Bild gelang mir aber dennoch.

Es wird voll

Ich hatte von Anfang an gelernt, erstens nur das aufzunehmen, was ich auch wirklich wollte und zweitens zu Hause ziemlich rigoros auszusortieren. Dennoch hatte sich während meiner Reisen zwischen 2006 und 2009 eine ordentliche Datenmenge angehäuft.

So blieben am Ende pro Reisewoche rund 200-250 Fotos übrig. Das sind sicherlich weitaus weniger als so manch ein Urlauber ohne Fotoambitionen. Aber es mussten eine neue Speicherkarte und ein wenig Organisation auf der Festplatte her. Zur Datensicherheit kaufte ich mir eine externe Festplatte.

Von einem ganzheitlichen Konzept war ich damals noch meilenweit entfernt und auch heute noch relativ weit weg. Aber ein Anfang war gemacht. Aus einem Epic Fail hatte ich gelernt: Nach der China-Reise 2006 hatte ich alle Originalbilder durch die bearbeiteten überschrieben. Eine ziemliche Katastrophe.

Im vierten Teil der Serie „Mein fotografische Entwicklung“ beleuchte ich die allmähliche Erarbeitung eines Worfklows und welche Ereignisse dafür besonders entscheidend waren.

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